An einem würdevollen Abend wurde der grossen Winterthurer Persönlichkeit gewürdigt. Die Gemeinde gedachte ihrem langjährigen Präsidenten.
Silvain Wyler s.A. hätte wohl eine gewisse Genugtuung verspürt an der grossen Gesellschaft, die zu seinen Ehren an diesem Montagabend den Saal des Blaukreuz-Saals füllte. Jeder von ihnen hatte im Herzen eine persönliche Erinnerung an den langjährigen Präsidenten. Vor einem Monat starb diese einzigartige Persönlichkeit in ihrem 100. Lebensjahr. Ein Mensch, der die jüdische Gemeinde Winterthur zum Wiederaufblühen führte. Wie der Präsident der Israelitischen Gemeinde Winterthur, Olaf S. Ossmann, ausführte: «Silvains Wort galt». Der Verstorbene wusste, dass eine Gemeinschaft nicht von grossen Visionen oder Reden lebt, sondern von Taten. Er verstand seine Aufgabe in Winterthur als «Awodat Kodesch» (Heilige Arbeit)
Nach den Worten des Präsidenten sprach Monika Haetinger, die Integrationsbeauftragte der Stadt Winterthur. Sie übermittelte in ihrer Rede auch die Grussworte der Stadt. Haetinger erinnerte auch an die langjährige Präsidentschaft Wylers: «Er prägte die Gemeinde Winterthur massgeblich.» Die Stadt blicke mit grossem Respekt auf die Lebensarbeit von Silvain Wyler. Gemeinsam mit dem Verstorbenen habe die Stadt stets den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen gefördert. Haetinger erinnerte auch an das Massaker vom 9. Oktober in Israel. Der Stadt Winterthur sei es absolut essentiell, betonte sie, dass jüdisches Leben in Winterthur weiterhin möglich sei. «Wir blicken nicht nur mit Nostalgie auf das Leben von Silvain Wyler zurück. Wir sind dankbar, dass diese besondere Persönlichkeit die Arbeit des Dialogs auf sich genommen hat.» Sie sprach ihr Mitgefühl den Angehörigen bei: «Möge die Erinnerung an Silvain Wyler weiterhin leben.»
Als dritter sprach der Präsident des SIG, Ralph Friedländer. Mit «Baruch Dajan emet», rezitierte er einen jüdischen Trauer- und Trostspruch. «Gelobt sei der gerechte Richter». Das Verdienst von Silvain Wyler könne man nicht überschätzen. Die kleine Gemeinde leuchtete über Jahrzehnte in der jüdischen Schweiz. Heute zähle die Gemeinde über 100 Mitgliederinnen und Mitglieder. Friedländer erinnerte auch an 2006, als die SIG-Delegiertenversammlung in Winterthur stattfand. Die perfekt organisierte Versammlung sei noch heute Gesprächsthema auf der Geschäftsstelle des SIG. Besonders der Kauf des jüdischen Friedhofs sei ein besonderer Meilenstein («Major Achievement») gewesen, so Friedländer.
Was viele nicht wissen: Eine Kapelle soll ihm während seiner Amtszeit zum G“ttesdienst angeboten worden sein. Mit etwas Schalk meinte er im Nachhinein: «Ich war zu Beginn gar nicht abgeneigt. Mit dem Kruzifix hätten wir das Quorum von 10 jüdischen Männern für die Gebete leichter erfüllt. Jesus war ja jüdisch…»
Was viele nicht wissen: Eine Kapelle soll ihm während seiner Amtszeit zum G“ttesdienst angeboten worden sein. Mit etwas Schalk meinte er im Nachhinein: «Ich war zu Beginn gar nicht abgeneigt. Mit dem Kruzifix hätten wir das Quorum von 10 jüdischen Männern für die Gebete leichter erfüllt. Jesus war ja jüdisch…»
Unser Rabbiner, Dr. Kurt Nordmann, nahm den Faden auf: Die Bescheidenheit und Dankbarkeit von Silvain Wyler. Er zitierte dabei einen Spruch aus den «Sprüchen der Väter», einer Sammlung jüdischer Lebensweisheiten. Ein Spruch lautet: «Alle, die sich mit den Angelegenheiten der Gemeinde beschäftigen,sollen dies in reiner Absicht tun.» Und dies tat der Verstorbene, so Rabbiner Dr. Nordmann. Sein Verdienst sei zeitlos, davon legt auch der Friedhof Zeugnis. Rabbiner Nordmann schloss seinen Vortrag mit dem innigen Wunsch: «Möge sein Gedenken auch weiterhin uns zum Segen gereichen.»
Mit Spannung wurde nun der Vortrag des Historikers Peter Niederhäuser erwartet. Vor 20 Jahren war er im Keller von Silvain Wyler, wo er unter anderem den Dolch des Unteroffiziers erspähte. Nur dank den Archivalien von Wyler konnte das Festbuch der Israelitischen Gemeinde Winterthur und die Ausstellung überhaupt realisiert werden, erinnerte sich Niederhäuser. In Meilenschritten ging es durch die Zeitläufe. Nicht rühmlich begann das jüdische Kapitel in Winterthur: In der Kyburg wurden vor 700 Jahren Juden verbrannt. Ab 1500 sind dann erste jüdische Ärzte in Winterthur dokumentiert. In Töss und Veltheim werden später weitere Vertreter des Judentums in den alten Quellen erwähnt. Die Bundesverfassung von 1848 brachte leider nicht die volle Freiheit für die Juden. Viehjuden und Schmatteshändler (Verkäufer von Stoffresten); vor allem diese Berufe blieben den meisten hiesigen Juden reserviert – oder übrig.
In launiger Art und Weise zeigte der Historiker alte Stadtbilder und Porträts, die das jüdische Winterthur dokumentieren. Als eine «Blütezeit» bezeichnete er die 1920er-Jahre in der Eulachstadt. Gebannt blickten die Anwesenden auf die Werbebilder, die Niederhäuser auf der Leinwand zeigte. Die jüdische Gemeinde wurde dann vor ziemlich genau 140 Jahren gegründet, also im Jahr 1886. Ein besonderes Jahr war auch 1998, als der jüdische Friedhof Rosenberg eingeweiht wurde.
Der Historiker erinnerte immer wieder an den unvergesslichen Humor von Silvain Wyler, der mit einem Augenzwinkern nicht nur einmal meinte: «Ich bin nöd ganz hundert!» Mit einem der letzten Bilder von 1989, das den Verstorbenen beim Handschlag anlässlich des Viehhandels zeigt, schloss er seinen spannenden Vortrag. Und tatsächlich, Silvain Wyler, einer der letzten jüdischen Viehhändler, hat vielleicht nicht ganz 100 Jahre gelebt, aber für Winterthur hat er immer 100 Prozent gegeben.
Dieser würdige Abend wurde mit dem Abendgebet und einem Apéro geschlossen. Die vielen Anwesenden und die fröhlich-würdevolle Stimmung waren sicher im Sinne Silvain Wylers.
